Vorgeschichte

Mit Böllerschüssen, Musik und Glockengeläute, einem Festzug und Festbankett im Bahnhotel wurde am 30. Juni 1906 die Eröffnung der Eisenbahnlinie von Gerstetten nach Amstetten gefeiert. Eigentlich war es nur ein Teilerfolg. Gerstetten, seit alten Zeiten mit Marktrecht und an großen Handelswegen gelegen, wollte folgerichtig auch eine „große Eisenbahn“ über seine Gemarkung. Es kam anders, die Hauptbahn von Stuttgart nach Ulm wurde im Westen und die Brenzbahn nach Ulm im Osten an Gerstetten vorbei gebaut. Derart im Abseits der Verkehrsströme erlebte die Gemeinde auf der Schwäbischen Alb einen wirtschaftlichen Niedergang, die Bevölkerung wanderte ab.

Um diese fatale Entwicklung zu stoppen, gründeten die Bürger den »Verein zur Hebung der Industrie«, dem viel Interesse und Geld aus allen Bevölkerungsschichten zufloß. Oberstes Ziel des Vereins und später des »Eisenbahnkomitees« war ein Bahnanschluss an die beiden großen Bahnen, eine Querbahn von Amstetten über Gerstetten nach Herbrechtingen. Die königliche Regierung bewilligte die gesamte Bahn und erteilte 1902 die Konzession: Allerdings nur für die Teilstrecke Amstetten – Gerstetten.

In drei Jahren wurde die Bahn von der WEG, der Württembergischen Eisenbahngesellschaft, erbaut. Fünf Jahrzehnte im Dampflokbetrieb und vier Jahrzehnte mit einem Triebwagen verrichtete die »Lokalbahn« treu ihre Dienste. Die ursprünglich geplante Weiterführung bis zur Stadt Heidenheim wurde allerdings nie verwirklicht.

Durch den Entschluss der KWStE (Königlich Württembergische Staats-Eisenbahn), den Bau der Hauptbahnstrecke Stuttgart-Ulm über Amstetten zu realisieren, waren die Hoffnungen der Gemeinden um Gerstetten, einen Eisenbahnanschluss zu erhalten, zunichte gemacht worden. Die dortige Bevölkerung, die sich von der Landwirtschaft ernährte und im Nebenerwerb in der Baumwoll- und Leinenweberei tätig war, erlitt mehr und mehr Nachteile, da sie gegen die Konkurrenz der an der neuen Bahnlinie liegenden Unternehmen, die sich überdies immer mehr durch den wachsenden Einsatz von Maschinen modernisierten, nicht mehr aufkommen konnten.

Deshalb bemühte sich ein in Gerstetten zur Belebung der Wirtschaft gegründeter Verein seit 1896 intensiv darum, einen Gleisanschluss an eine der bestehenden Bahnstrecken zu erhalten und veranstaltete zur Vorbereitung einer Eingabe an die maßgeblichen Stellen am 19. April 1896 in Gerstetten eine Versammlung der Vertreter der umliegenden Gemeinden und Interessenten. In diesen Gesprächen wurde eine Bahnlinie diskutiert, die die über die Geislinger Steige verlaufende Hauptbahn mit der durch das Brenztal gehenden Strecke verbinden sollte. Man einigte sich darauf, eine Trasse vorzuschlagen, die von Amstetten über Gerstetten nach Herbrechtingen, an der Linie Ulm – Heidenheim – Aalen, verlaufen sollte.

Es wurde ein Eisenbahnkomitee gebildet, das den Stuttgarter Professor Maurer beauftragte, ein Gutachten über die zweckmäßige Trassenführung einer solchen Bahn auszuarbeiten. Nach Eingang dieses Gutachtens im Sommer 1896 richtete das Komitee am 23.12.1896 an die Regierung und die Ständekammer ein Gesuch um Genehmigung der Vorarbeiten für den Bau einer Bahnlinie mit der vorgeschlagenen Streckenführung. Inzwischen war noch ein weiteres Bahnprojekt entstanden, das eine Trasse betraf, die von Beimerstetten, an der Hauptbahn Stuttgart-Ulm, über Gerstetten nach Heidenheim führen sollte. Am 12. Mai 1897 nahm die Abgeordnetenkammer zu den beiden Projekten in dem Sinne Stellung, daß sie empfahl, zur besseren wirtschaftlichen Erschließung der Gegend um Gerstetten, eine Bahnverbindung zwischen der Hauptbahn Stuttgart – Ulm und der Brenzbahn zu bauen.

Die Planungsstelle der KWStE arbeitete im Winter 1897/98 ein Projekt für eine Schmalspurbahn von 750 mm Spurweite aus, die von Amstetten über Stubersheim, Schalkstetten, Gussenstadt, Gerstetten, Heldenfingen, Heuchlingen, Dettingen am Albuch, Anhausen nach Herbrechtingen verlaufen sollte. Da die Sache aber nicht weiterging, reichte das Komitee am 10. Mai 1899 erneut ein Gesuch ein. Die Kgl. Staatsregierung entschied aber im Hinblick auf die hohen Kosten, daß zunächst nur der Streckenteil von Amstetten nach Gerstetten weiterverfolgt werden sollte.

Die Voraussetzungen für die Verwirklichung des Bahnbaus verbesserten sich, als durch einen Gesetzentwurf vom Juli 1899 in Württemberg auch private Eisenbahngesellschaften zugelassen wurden. Hier traf es sich sehr günstig, daß 1899 die WEG (Württembergische Eisenbahngesellschaft) gegründet worden war. Das Komitee in Gerstetten nahm unverzüglich Verbindung mit der WEG auf und die beiderseitigen Gespräche führten dazu, daß am 4. Dezember 1901 zwischen der WEG und den beteiligten Gemeinden ein Vorvertrag über den Bau und Betrieb einer Bahn von Amstetten nach Gerstetten abgeschlossen wurde.

Die Gemeinden mußten einen Beteiligungsbetrag zur Verfügung stellen und auch die Kosten für das benötigte Gelände übernehmen. Die Regierung erklärte sich bereit, einen Zuschuß von 32 000 Mark pro Bahnkilometer zu leisten. Die Verkehrsabteilung des Kgl. Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten erteilte der WEG am 30. Juli 1902 die Konzession für eine eingleisige Nebenbahn von Amstetten über Stubersheim, Schalkstetten, Waldhausen, Gussenstadt nach Gerstetten. Die Verteilung der Kosten unter den beteiligten Gemeinden war folgendermaßen geregelt: Gerstetten als die größte der Gemeinden übernahm 43%, Gussenstadt 25%, Waldhausen 14%, Schalkstetten und Stubersheim je 9%.

Nach reiflichen Überlegungen hatten sich die Gemeinden den Bedingungen der WEG gefügt, in der Hoffnung, daß diese später einmal die Bahn bis zur Brenzbahn weiterbauen würde. Diese Absicht ist zwar im Laufe der Jahre noch öfters diskutiert aber niemals verwirklicht worden. Der endgültige Vertrag zwischen der WEG und den Gemeinden wurde am 2. Februar 1903 in Gussenstadt abgeschlossen. Er enthielt u.a. die  Änderung der ursprünglichen Planung des Bahnbaus mit 750 mm Spur in eine Normalspurbahn.

Inzwischen hatte die WEG mit der KWStE die Einzelheiten über die Einführung der neuen Bahn in den Staatsbahnhof Amstetten ausgehandelt, in dem ja auf der anderen Seite der Staatsbahnanlagen schon die WEG-Nebenbahn Amstetten-Laichingen endete. Die Vereinbarungen zwischen der WEG und der Staatshahn wurden im Sommer 1903 paraphiert, so daß nun eigentlich die Bauarbeiten hätten aufgenommen werden können. Aus verschiedenen Gründen verzögerte sich aber der erste Spatenstich noch um über ein Jahr.

Schließlich wurde am 1. Dezember 1904 mit dem Bau angefangen; die Arbeiten schritten gut voran da das Gelände keine besonders großen Schwierigkeiten machte. Brücken und Tunnels waren nicht nötig und auch die Zahl hoher Dämme und tiefer Einschnitte hielt sich in Grenzen. Immerhin zog sich der Bahnbau bis Juni 1906 hin.

Eisenbahnen auf der Alb und rundherum